Jerusalemer Rundgänge

Ein Kerem


Ein Kerem ist ein Dorf in der unmittelbaren Umgebung Jerusalems, das inzwischen eingemeindet ist und einen besonders malerischen Stadtteil darstellt. Wie archäologische Funde beweisen, führte die dortige Wasserquelle bereits in der Bronzezeit zur Besiedlung des Ortes.

Der christlichen Überlieferung zufolge wurde Johannes der Täufer hier geboren, der Sohn des Zacharias und der Elisabeth. Wie das Neue Testament berichtet, stattete ihnen Maria, die Mutter Jesu, einen Besuch ab, in dessen Verlauf sie von Elisabeth gesegnet wurde (Lukas1,39). Johannes gilt nicht nur zahlreichen christlichen Konfessionen, sondern auch den Mandäern (Sabäer) und Moslems als Heiliger.

Er lebte als Asket in der Wüste und wirkte als Bußprediger und Prophet, der zahlreiche Anhänger um sich sammelte. Dem Christentum zufolge war er Zeitgenosse und Wegbereiter Jesu, obwohl Historiker seine Existenz später ansetzen. Johannes lebte jedoch während der Regierungszeit des Herodes, der ihn aufgrund seines zunehmenden Einflusses auf das Volk hinrichten ließ. In der näheren Umgebung von Ein Kerem wurden Höhlen entdeckt, in denen Archäologen Hinweise auf das Vorhandensein eines historischen Taufkultes fanden.

Der hebräische Name von Ein Kerem bedeutet „Quelle des Weinbergs“; die Quelle selbst trägt heute den Namen „Marienquelle“ und befindet sich neben der Moschee des Dorfes. Ihr Wasser wird von zahlreichen Pilgern als heilig betrachtet.

Das Dorf eine katholische Kirche, aus dem späten 19. Jahrhundert, die Johannes dem Täufer geweiht ist. Sie entstand auf den Überresten eines früheren byzantinischen Gotteshauses und befindet sich gemeinsam mit dem benachbarten Kloster in den Händen der Franziskaner. Im Inneren deuten antike Strukturen auf das Vorhandensein einer Mikveh, eines jüdischen Ritualbades, aus der Zeit des Zweiten Tempels hin. Des Weiteren wurden auf dem Gelände Weinpressen, Mosaikböden, aus dem Felsen gehauene Kammern und eine Höhle entdeckt, die als Geburtsstätte des Johannes gilt.

Unterhalb der katholischen Kirche befindet sich die Visitationskirche (auch Magnifikatskirche genannt). Sie wurde 1955 durch den italienischen Architekten Antonio Barluzzi erbaut, und die Stätte wird als der Standort des Sommerhauses von Zacharias und Elisabeth betrachtet.

Auf der gegenüberliegenden Anhöhe steht ein russisch-orthodoxes Kloster, dessen Kirche im ausgehenden 19. Jahrhundert errichtet wurde und ebenfalls Johannes gewidmet ist. Die Zwiebeltürme des Komplexes stellen einen besonderen Blickfang dar.

Im Verlauf der Geschichte waren die Bewohner der Gegend wechselweise Juden, Christen und Moslems. 1947 sah der Teilungsplan der Vereinten Nationen vor, Ein Kerem einer international verwalteten Jerusalemer Enklave zuzuordnen. Zu dieser Zeit war es ein arabisches Dorf mit rund 3.000 Einwohnern. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges ein Jahr darauf schloss sich den Guerillakämpfern des Ortes eine arabische Streitmacht mit Kontingenten aus Ägypten, Syrien und dem Iraq an; im Laufe der feindlichen Auseinandersetzungen wurden Frauen und Kinder evakuiert. Die verbleibenden Einwohner flüchteten mit den arabischen Soldaten im Juli 1948 vor der israelischen Armee. Nach der Staatsgründung Israels ließen sich jüdische Einwanderer in Ein Kerem nieder, darunter auch zahlreiche Künstler. In den Mauern einiger Häuser wurden Verstecke mit Gold gefunden, die die vorherigen Bewohner bei ihrer Flucht zurückgelassen hatten.

Heute laden neben einem Besuch der christlichen Stätten vor allem die landschaftliche Schönheit der Umgebung des Ortes sowie die zahlreichen Restaurants und Gartencafé zum Verweilen ein. 

Eine wahre Liebesgeschichte

Was wäre ein Rundgang ohne eine echte Jerusalemer Liebesgeschichte? In den 1930er Jahren kursierten Gerüchte über eine Liebesgeschichte, deren Schauplatz die zauberhaften Gassen von Ein Kerem waren, und die zwischen einem christlichen Araber namens Jabra, der aus dem Dorf stammte, und einem jüdischen Mädchen aus der Nähe des Machane Yehuda Marktes namens Alegra stattfand. Natürlich waren die Familien dagegen. Doch gingen die Dinge ihren Lauf, und die beiden heirateten. Alegras Vater trauerte um seine Tochter nach jüdischer Tradition, als sei sie verstorben, und Jabra konnte nie wieder nach Ein Kerem zurück. 

Alegra konvertierte zum Christentum und befasste sich mit Erziehung und Wohltätigkeit. Jabra wurde zum erfolgreichen Geschäftsmann und Hauptlieferanten von Fleisch an die britische Armee. Später kehrten sie nach Ein Kerem zurück und lebten in einem Gebäude, das den Namen "Das Haus der Jüdin" erhielt.