Jerusalemer Rundgänge

Gang durch Jerusalem bei Nacht

In Jerusalem gibt es viel, was man nicht nur tagsüber, sondern am Abend genießen kann – es ist ruhiger, die Luft ist besser, und das Wechselspiel zwischen Licht und Dunkel macht die Stadt bei Nacht zu einem ganz besonderen Erlebnis.

Auf dem Ölberg
Zweifellos bietet sich dem nächtlichen Besucher von der Kuppe des Ölbergs ein märchenhafter Ausblick auf die Stadt. Der Berg liegt nur eine kurze Strecke vom benachbarten Skopusberg entfernt und gilt als das "Dach Jerusalems" - einer der schönsten Aussichtspunkte des Landes. Vor allem bei Nacht ist das Panorama atemberaubend. Alle Prachtbauten auf dem Tempelberg sind beleuchtet, ebenso wie der uralte jüdische Friedhof am Hang des Hügels. Ein geheimnisvoller Zauber liegt über der Stadt. 
Vom hier ist die östliche Mauer des Tempelberges mit dem Goldenen Tor in der Mitte besonders gut zu überschauen. Die Kirche des Heiligen Grabes und die deutsche Erlöserkirche sind ebenso zu sehen wie der Zionsberg, Standort des Coenaculums (der Ort des Letzten Abendmahls), der Begräbnisstätte König Davids und der Dormitio Basilika - der Stammabtei der deutschen Benediktiner. Sogar das King David Hotel und der Turm des CVJM sind deutlich zu erkennen.

Dormition Abtei, Erlöserkirche und Auguste Victoria Begegnungsstätte
Das markante Gebäude der Dormitio wurde am 10. April 1910 feierlich seiner Bestimmung übergeben - mehr als 12 Jahre, nachdem Deutschlands Kaiser Wilhelm II. das Grundstück 1898 vom türkischen Sultan geschenkt bekam. Damals hatten der Kaiser und seine Frau Auguste Victoria das Heilige Land anlässlich der Einweihung der Erlöserkirche besucht. Diese steht in unmittelbarer Nähe der Kirche des Heiligen Grabes in Jerusalems Altstadt. Ihr Turm ist weithin sichtbar, und wer sich von der Mühe des Aufstiegs nicht abschrecken lässt, wird mit einer außergewöhnlichen Vogelperspektive auf Alt- und Neustadt belohnt. Ein weiteres Resultat der kaiserlichen Diplomatie seinerzeit ist das Gebäude der Auguste Victoria Stiftung auf dem Ölberg, heute eine protestantische Pilger- und Begegnungsstätte. Die drei Bauten gehören ebenso wie das Österreichische Hospiz an der Via Dolorosa zu den besonderen Merkmalen der deutschsprachigen Kultur, die im 19. Jahrhundert in Jerusalem entstanden.
 
Der Turm des CVJM und das King David Hotel
Ein Besuch im Turm des Jerusalemer CVJM (West) ist ein faszinierendes Erlebnis eigener Art. Hier bietet sich der Ausblick auf die nächtliche Stadt von der gegenüber liegenden Seite und schließt somit den Kreis. Doch wird der Besucher körperlich weniger gefordert: Für den Preis eines Euro lässt sich mit dem Aufzug auf den Turm fahren. Das architektonisch außergewöhnliche Gebäude öffnete 1933 seine Tore und ist seitdem ein multikultureller Treffpunkt und Veranstaltungsort mit einem Hotel, Restaurant und Sportclub und Auditorium.
 
Die alte Windmühle
Auf der anderen Straßenseite steht King David Hotel, eines der ersten internationalen Hotels der Stadt, und daran vorbei führt der Weg in zwei der ältesten jüdischen Stadtviertel außerhalb der Mauern: Yemin Moshe und Mishkenot Shaananim. Yemin Moshe ist heute ein malerisches Künstlerviertel, das nur zur Fuß betreten werden kann, und Mishkenot Shaananim beherbergt das Konrad Adenauer Zentrum, Veranstaltungsort zahlreicher Konferenzen und Seminare. Kennzeichnend für beide Gebäudekomplexe ist die alte Windmühle, eine der ersten in der Stadt, die von dem jüdischen Phiöanthropem Sir Moses Montefiore gespendet wurde. Der Blick von hier auf die nächtliche Altstadt, hinweg über den sogenannten Sultansteich – Schauplatz zahlreicher Freiluftevents - ist hier von besonderer Qualität.
 
Die Altstadt nach Sonnenuntergang
Zahlreiche Stätten innerhalb der alten Stadtmauern sind auch des Nachts einen Besuch wert. Ein besonders schöner Spaziergang beginnt auf dem Zionsberg – hier bietet sich auf dem Dach von König Davids Grab ein besonderer Rundblick auf die Promenade von Armon Hanatziv im Süden, den Ölberg und die Altstadt im Norden und Osten sowie den CVJM und das King David Hotel im Westen.
 
Auf dem Zionsberg geht es von der Dormitio Abtei in westlicher Richtung zum Jaffator. Rechter Hand steht die Zitadelle, auch Davidsturm genannt. Die alte Festung stammt aus der Zeit von König Herodes und beherbergt heute das Museum der Geschichte Jerusalems. Der Innenhof mit seinen archäologischen Ausgrabungen ist nachts beleuchtet und strahlt einen besonderen Zauber aus.
 
Am Jaffator kann der Besucher ebenso wie an zahlreichen anderen Stellen entlang der Mauer die Zinnen ersteigen und einen Rundgang auf den alten Befestigungsanlagen machen. Im Sommer ist der Zugang auch nachts möglich, nach Voranmeldung.
Im Herzen des Basars in der Altstadt steht ein wunderschöner Springbrunnen. Er ist das Wahrzeichen des Muristan, Dieses Areal zwischen Grabeskirche und Erlöserkirche gehört zum Teil zur Letzteren, und der Name geht auf den persischen Begriff für "Hospital" zurück. Kaiser Karl der Großen hatte das Gelände seinerzeit von Harun al Rashid, dem legendären Khalifen von Baghdad als Geschenk erhalten und ließ hier ein Hospiz für Pilger errichten. Später ging es in den Besitz des Johanniterordens (der spätere Malteserorden) über, der hier ein Hospital betrieb, das im Verlauf der Kreuzzüge intensiv in Anspruch genommen wurde. Unter der Herrschaft Saladins verwandelte es sich  in eine moslemische Stiftung, verfiel jedoch während des 16. Jahrhunderts. 1869 übereignete der türkische Sultan Abdul Hamid II. einen Teil des Muristans dem damaligen preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm.

Faszinierend ist auch die nachts hell erleuchtete Klagemauer, an der sich auch zu später Stunde gläubige Juden zu Gebet und Besinnung einfinden. Beim Verlassen des Geländes durch das Misttor ist wenige hundert Meter in nördlicher Richtung die erleuchtete Fassade der prachtvollen Kirche aller Nationen im Garten Gethsemane auf dem Ölberg ebenso zu erkennen wie die goldenen Zwiebeltürme der benachbarten Russisch-Orthodoxen Magdalenenkirche. Während das Areal tagsüber unbedingt sehenswert ist, gewinnt es zu nächtlicher Stunde eine atemberaubende Perspektive. 

Nachtschicht
Überall in Jerusalems Neustadt bieten sich Gelegenheiten, die Nacht zu feiern - in Kneipen, Restaurants, Straßencafés und Bars. Auch im Sommer jedoch sollte man eine Jacke dabeihaben – die Luft ist frisch, aber kühl. Eine besondere Atmosphäre herrscht entlang der Emek Repahim Straße in Jerusalems deutscher Kolonie – einer ehemaligen Siedlung der deutschen Templer im Heiligen Land, für die der Anfang vom Ende 1933 mit dem Aufstieg Hitlers begann.

Die malerischen Gassen von Nahlat Shiva, einem historischen jüdischen Viertel aus dem 19. Jahrhundert im Stadtzentrum Jerusalems bieten zahlreiche kleine Restaurants, Kneipen, Läden und Boutiquen, die zum Bummeln einladen. Sie schließen sich direkt an die Fußgängerzone der Ben Yehuda Straße an, deren Bild nach Einbruch der Dunkelheit von Kleinkünstlern und zahlreichen Straßencafés beherrscht wird. Auf der anderen Seite der Fußgängerzone überquert man die King George Straße und gelangt auf den historischen jüdischen Markt von Mahane Yehuda – ein definitiver Geheimtipp. Hier geht es auch mitten in der Nacht lebhaft zu, und der Markt ist Brennpunkt der jungen Szene, mit zahlreichen kleinen Lokalen, Ständen und Boutiquen. Die historische Bausubstanz der überdachten Marktstraßen erfährt eine Wiederbelebung und strahlt eine besondere Atmosphäre aus. Hier speist man stehend, gehend oder sitzend und kann Kulinarisches aus aller Welt genießen.

Nachteulen, die auch im Dunklen den Blick für den Kommerz nicht verlieren, ist ein Besuch der Einkaufspromenade des Mamilla-Viertels direkt unterhalb des Jaffators zu empfehlen. Die Nobelläden und Cafés der eleganten Einkaufsstraße befinden sich zwischen restaurierten historischen Bauten und sind auch des Nachts offen.