Stätten in Jerusalem

Promenade auf den Stadtmauern

Ein Blick auf das christliche Viertel Der DavidsturmDie Stadtmauer-Promenade


Die alten Mauern, die Jerusalems Altstadt umgeben, wurden im 16. Jahrhundert vom türkischen Sultan Süleyman dem Prächtigen errichtet. 400 Jahre lang patrouillierten türkische Soldaten auf den Wällen zwischen den Wachtürmen. Heute können die Befestigungen an verschiedenen Stellen erklommen und begangen werden. Die kürzlich renovierte luftige Promenade bietet einen besonderen Überblick auf das historische Zentrum ebenso wie die neuen Viertel der Stadt und die Landschaft im Hintergrund.
 
Als die Briten Jerusalem 1917 gegen Ende des Ersten Weltkrieges einnahmen, erließen sie ein Gesetz, das die direkte Umgebung der Altstadt von Neubauten freihielt. Sie legten einen schmalen Grüngürtel an, der bis heute eine Art ökologischen Schutzring bildet. Daher ist vor allem von den Zinnen der Befestigungswälle die Aussicht nach allen Seiten frei. Bis vor nicht allzu langer Zeit leisteten diese Zinnen noch Kriegsdienste. Sie waren Teil der Grenze zwischen Jordanien und Israel, und hier bezogen die Heckenschützen der jordanischen Legion Stellung.
Nach der Wiedervereinigung Jerusalems im Jahre 1967 und einer umfassenden Restauration der Altstadt wurden die Befestigungen für Besucher zugänglich. Hinauf (und hinunter) geht es unter anderem beim Jaffator am Davidsturm. Der Turm beherbergt heute das Museum der Geschichte Jerusalems - mit faszinierenden Exponaten erweckt es die Jahrtausende wieder zum Leben. Das Jaffator selbst gilt als „Haupteingang“ zum historischen Stadtzentrum. 1898 wurden die Mauern daneben durchbrochen, um beim Besuch Kaiser Wilhelms II. und seiner Frau Auguste Viktoria Einlass für die kaiserliche Karosse und den Kaiser hoch zu Ross zu schaffen. Hier befand sich auch die Station der Postkutsche, die zwischen Jaffa und Jerusalem verkehrte.

Der Gang auf der Mauer
Bereits von der Beobachtungsplattform oberhalb des Jaffators bietet sich ein Blick auf die zahlreichen Kuppeldächer der historischen Bausubstanz, die überdachten Markthallen und Behausungen. Sie veranlassten Mark Twain 1867 zu der Bemerkung, Jerusalem sei die „knubbeligste“ Stadt der Welt.
Im Südwesten lassen sich die roten Ziegeldächer und die Windmühle des malerischen Viertels Yemin Moshe erkennen, einer der ersten jüdischen Stadtteile, die im 19. Jahrhundert außerhalb der Mauern errichtet wurden. Weiter nach Süden erhebt sich die schottische St. Andrew’s Church, und im Westen steht der kantige Bau des King David Hotels, ein Musterbeispiel moderner Architektur aus den 1930er Jahren. Dazwischen erstreckt sich das Tal von Hinnom. Diese Schlucht reicht vom Fuß des Berges Zion in östlicher Richtung bis zum Kidrontal. Wie die Bibel berichtet, wurden hier zur Zeit der Könige dem Götzen Moloch Kinderopfer gebracht, ein Kult, der von dem Propheten Jeremias verdammt und abgeschafft wurde. Das Tal ist Teil eines Nationalparks, durch den heute ein besonders interessanter Wanderweg führt. Direkt unterhalb der Stadtmauer beginnt die Einkaufspromenade von Mamilla, in die neben Geschäften und Wohnungen auch Überreste historischer Bauten integriert wurden.
Im Inneren der Mauern steht rechter Hand ein Gebäude, auf dem die Flagge des Vatikans weht – das Lateinische Patriarchat der römisch-katholischen Kirche, das nach dem Fall des Kreuzfahrerreiches im Mittelalter erst 1847 wieder eingerichtet wurde. Dahinter liegt das Collège des Frères, das von christlichen und moslemischen Kindern besucht wird.
Als Jerusalem von 1948 bis 1967 geteilt war, flog den Schülern beim Spiel im Hof immer wieder der Ball über die Mauer, auf die israelische Seite. Im Dezember 1965 bat ein Vertreter der UN Israel um die Rückgabe der Bälle, und zu Weihnachten erhielten die Kinder 28 Bälle zurückerstattet.

 
In nördlicher Richtung steht der alte Teil der Jerusalemer Stadtverwaltung, in dessen Mauern immer noch Einschusslöcher zu sehen sind. Das nächste Tor ist das Neue Tor, für das die Mauern 1889 durchbrochen wurden. Damit erhielten die Bewohner der zahlreichen christlichen Einrichtungen, die im 19. Jahrhundert in der Neustadt entstanden - darunter auch die russische Kirche mit ihren Pilgerherbergen, der französische Notre Dame Komplex und das St. Louis Hospital - Zugang zu den heiligen Stätten innerhalb der Mauern. Der Blick auf die Altstadt fällt von hier oben auf das Erlöserkloster der Franziskaner und ihr Studium Biblicum Franciscanum. Die Franziskaner sind die Kustoden des Heiligen Landes im Auftrag des Heiligen Stuhls und unter anderem auch für die Grabeskirche (gemeinsam mit anderen christlichen Konfessionen) und die Via Dolorosa verantwortlich.

Dächer und Türme
Die Skyline der Neustadt enthüllt im Nordwesten die Dächer des Viertels Musrara, den Glockenturm der anglikanischen Kirche des Hl. Georg und das St. Étienne Kloster der Dominikaner. Weiter im Hintergrund erhebt sich der Skopusberg mit dem Hadassah Hospital und der Hebräischen Universität. Am Hang des Berges liegt die Universität der Mormonen.
Das nächste Tor ist das Damaskustor, das größte und prächtigste der Tore. Es wird auch als Nablustor bezeichnet, da von hier der Weg in das biblische Sichem, heute Nablus, und darüber hinaus nach Damaskus führte. Wegen der großen römischen Siegessäule, die einst mitten auf dem Vorplatz stand, heißt es auf Arabisch Bab el Amud, das Säulentor. Direkt dahinter beginnt das moslemische Viertel mit dem arabischen Basar. Von hier bietet sich dem Blick von der Mauer in östlicher Richtung der Tempelberg mit der al Aqsa Moschee und der goldenen Kuppel des Felsendoms. Darunter befindet sich die Klagemauer.
Unter den Mauern am Damaskustor befindet sich die Höhle Zedekiahs, und in der Umgebung wurden zahlreiche archäologische Funde aus biblischer und römischer Zeit freigelegt, die einen Besuch wert sind.
Gegenüber steht das römisch-katholische Hospiz des hl. Paulus. Das beeindruckende Gebäude mit seinen Türmen, Bögen und Kuppeln stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts und beherbergt heute die Schmidt Schule des 1855 gegründeten Deutschen Vereins vom Heiligen Lande. Ganz in der Nähe liegt Jerusalems zentrale arabische Busstation.
Der Weg auf der Stadtmauer führt weiter am Rockefeller Museum für Archäologie, Schatzkammer antiker Funde und architektonisches Kleinod, sowie dem Gartengrab vorbei. 1883 glaubte der in Jerusalem weilende britische General Charles Gordon in diesem Hügel und der dortigen antiken Grabhöhle das Grab Jesu zu erkennen. 1891 wurde die Stätte freigelegt. Sie gilt vor allem innerhalb der anglikanischen Kirche als die wahre Todes- und Begräbnisstätte Christi und ist Wallfahrtsziel zahlreicher protestantischer Christen.
Von dieser Stelle auf den Stadtmauern lassen sich auch die Dächer des arabischen Viertels von Sheikh Jarrah in der Neustadt erkennen, das im 19. Jahrhundert von wohlhabenden moslemischen Familien errichtet wurde.
Das Herodestor oder Blumentor an der nordöstlichen Seite der Stadtmauern war ursprünglich ein schmaler Zugang. Hier gelang es den Kreuzfahrer bei der Belagerung Jerusalems im Jahre 1099, in die Stadt einzudringen, was zum Fall Jerusalems führte. Es gab Zeiten, zu denen dieses Tor zugemauert war. Das heutige Tor entstand 1875 durch eine Erweiterung und wird von den arabischen Bewohnern der Stadt mit der Auferstehung der Toten in Zusammenhang gebracht – gegenüber befindet sich der moslemische Friedhof.

Der Ölberg
Gen Osten öffnet sich der Blick auf das Kidrontal und den Ölberg, an dessen Hang sich der Garten Gethsemane mit der Kirche aller Nationen befindet. Zudem ist der Ölberg Standort des ältesten jüdischen Friedhofs der Welt. Er stammt aus vorchristlicher Zeit und wird bis heute für Beisetzungen benutzt. Auf der Bergkuppe stehen Hospiz, Hospital und Kirche der Auguste Viktoria Stiftung; sie entstanden im Nachgang zum Besuch des deutschen Kaiserpaares und dem kaiserlichen Versprechen, für die deutschen Bewohner Palästinas ein Krankenhaus einzurichten. 1910 wurde der Komplex seiner Bestimmung übergeben; seit 1950 wird er vom Lutherischen Weltbund betreut.
Unter den Kirchen auf dem Ölberg fällt die russisch-orthodoxe Maria-Madgalena-Kirche durch ihre vergoldeten Zwiebeltürme besonders ins Auge. Sie wurde um 1885-86 von Zar Alexander III. errichtet. Die heutige Vergoldung wurde von dem Münchner Vergoldermeister Hans Kellner unter Verwendung von 24-karätigem Blattgold in den Jahren 1998 und 1999 ausgeführt. In der Kirche liegen die Grabstätten der von der russisch-orthodoxen Kirche als Märtyrerin verehrten Elisabeth von Hessen-Darmstadt und ihrer Nichte Alice von Battenberg.
 
Der Traum des Sultans – das Löwentor
Eine Jerusalemer Legende berichtet von einem Traum, den der türkische Sultan Suleiman der Prächtige hatte: Er wurde von einem Löwen gefressen, da er die heilige Stadt Jerusalem nicht ausreichend schützte. Der Sultan gab sofort den Befehl für den Bau einer Befestigungsmauer, die auf den Überresten früherer Schutzwälle errichtet wurde und bis heute steht. Das Löwentor ist das einzige Tor auf der Ostseite der Mauer und an dem Löwenrelief der Fassade leicht zu erkennen.
Der Gang auf den Mauer der Jerusalemer Altstadt führt fast ganz um die Stadt herum, mit Ausnahme der Südseite, auf der sich das Misttor befindet, durch das in alten Zeiten der Abfall entsorgt wurde.